Federweißer – geteert und gefedert

Da dieser Blog aus dem Leben einer deutsch-spanischen Familie berichtet, wird häufig genug in seiner deutschen Sprachversion auf Eigenarten der Spanier hingewiesen. Also, warum unsere Kinder im Bonner Kindergarten nach Gazpacho verlangen. Sie im Religionsunterricht einen Himmel voller Suppenschüsseln malen (wobei das könnte auch deutsch-lönnebergisch sein, ich gebe es zu), usw. Heute drehe ich den Spieß mal um. Deutsche Eigenarten, nicht allen bekannt. Auch nicht allen Biodeutschen.

Ich war einkaufen. Im Herbst. Lebensmittel. Und da gibt es doch die Flaschen, die es nur im Herbst gibt. Sie stehen im Supermarkt. STEHEN. Immer. Flaschenhals oben. Und mit kleinen Löchlein. Und meistens steht drauf: Bitte nicht kippen. Flasche offen. Ich bin der festen Überzeugung, alle hier Lesenden haben nun verstanden, um welches Getränk es sich handelt.

Und mir fiel wieder ein, wie meine spanische Freundin (und spätere Frau) vor Jahren entrüstet aus einem deutschen Supermarkt kam mit der felsenfesten Überzeugung: Die kriegen hier in Deutschland nicht einmal richtig die Flaschen zu. Ich gestehe, dass ich seinerzeit mich kaum einkriegte vor Lachen. Die Gattin musste gestehen, an dieser Stelle nichts vom Lack des teutonischen Perfektionismus abkratzen zu können.

Ich stand also an der Kasse bei unserem Edeka. Mal wieder in der Schlange, in der es am langsamsten voranging. Soweit, so gut. Das ist ja psychologisch geklärt, dass man sich immer so vorkommt, in der langsamsten aller Schlangen zu stehen. Aber ich hatte die LANGSAMSTE. Als mir der Kassierer ins Blickfeld kam, verstand ich, warum. Mit einer atemberaubenden Treffsicherheit schaffte er es, bei jedem Objekt auf dem Band garantiert erst mit der letzten möglichen Fläche des zu scannenden Objektes den Strichcode zu erwischen. Ich dankte dem Herrn, dass die Verpackungsindustrie ganz wenige Oktaederverpackungen vertreibt. Zur Erläuterung: Diese Oktaeder haben 8 Flächen. Mein Kassierer würde also mindestens 7 Flächen erst einmal umsonst an den Scanner halten. Und wenn er Glück hat, mit der 8. Fläche den Strichcode erwischen….

Insofern hatte ich also genügend Zeit, den erworbenen Federweißer sorgfältig auf das Band zu stellen, umgeben von einem Wall liegender Bierflaschen, auf dass er nicht umkippen möge. Endlich, ich konnte es kaum glauben, Halleluja, gelobt sei dem Herrn und allen Göttern, die für’s Kassieren zuständig sind, war ich an der Reihe. Gleiches Tempo. Den Kassierer nun ganz nah in Augenschein genommen – denn ich hatte ja viel Zeit bei seinem Tempo – erkannte ich, dass es ein Biodeutscher war, auf dessen Stirn sich schon feine Schweißperlen bildeten. Der junge Herr brachte es fertig, zum Scannen meinen Federweißer zu LEGEN. AAAArrrrrGGGG!!!!!!! griff ich umgehend in den Kassiervorgang ein, um einen guten Teil meines ersten Federweißers der Saison noch zu retten. Und fragte den jungen Menschen etwas genervt: Sind Sie noch bei Trost? Nein, so böse war ich nicht, sondern: „Wohl heute den ersten Tag?“ Antwort: „Eigentlich nicht!“

Ich verstummte. Und tue das auch hier. Denn ich fürchte um meinen Ruf, wenn ich hier die Gedanken aufschriebe, die mir in diesem Moment durch den Kopf gingen (s. Beitragstitel…. :-))

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3 Kommentare zu „Federweißer – geteert und gefedert

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