Der Tag, an dem ich zu altern begann

oder: Die Opabrille

Warnung: Der folgende Text enthält einen Herrenwitz. Dieser ist nur unzureichend vor züchtigen Damenaugen gesichert und kann in der männlichen Phantasie ungeahnte Wirkungen entfalten. Dennoch: Ich habe mich der Wahrheit verpflichtet.

Es war mein Geburtstag. Die erste Mail, die ich morgens auf dem Smartphone sah, kam von der Stiftung Warentest, „Betreff: Inkontinenz, diese Produkte geben Sicherheit.“

Wenn da mal der Tag nicht gut anfing, dachte ich mir. Ich hielt das Smartphone beim Lesen etwas auf Abstand. Nähe tat in den letzten Tagen dem Lesefluss nicht gut. Ich hatte es widerwillig akzeptiert: Es war weniger die fehlende Tiefenschärfe meines Displays als die fehlende Schärfe meiner Augen.

Deswegen hatte ich – just an meinem Geburtstag – auch einen Termin beim Augenarzt. Ich wurde getropft. Für alle, die das noch nie mitgemacht haben: Die Pupillen werden dann so weit wie bei einer Nachtwanderung. Und, das ist der Gag: Sie bleiben den restlichen Tag so. Es wurden mehrere Leute getropft im Wartezimmer. Alle zehn Minuten, dreimal mindestens. Lesen kannste da nischt mehr.

Also begann ich ein Gespräch mit meinem Wartezimmernachbarn. Der Stimme entnahm ich, dass es sich um eine Dame handelt. Optisch kann ich nicht viel dazu sagen, bis auf die Tatsache, dass ich sie für mich ‚Grüner Fleck‘ taufte. Über interessante Aspekte ihrer Vergangenheit („Oh, ich hatte mal eine randlose Brille, aber wenn ich die verlegt hatte, konnte ich sie gar nicht mehr finden, ich brauche immer einen dicken, markanten Rahmen“), stellten wir im Verlauf des Gesprächs fest, dass wir berufliche Berührungspunkte hatten. Der Höhepunkt war dann folgerichtig, dass sie mir eine Visitenkarte gab. Mit der Erklärung: Sie hoffe, es sei eine ihrer Visitenkarten, sie könne sie nicht lesen. Ich erwiderte: „Lieber grüner Fleck, dem wird so sein. Lesen kann ich es natürlich auch nicht. Aber ich bin Optimist.“ Der Emailkontakt am Folgetag kam dann auch zustande:

Wer den Begriff ‚Gleitsichtbrille‘ erfunden hat, hat dafür sicherlich den Marketingpreis der Optikerzunft eingeheimst. Ein Opfer dieses Marketings bin ich. Suggeriert dieser Begriff doch ein cooles Gleiten zwischen Ferne und Nähe. Lässiges Gleiten, wie etwa beim Surfen oder Wellenreiten. Modern, dynamisch, jung. Nichts davon ist wahr. Fake News! ‚Schwimmbrille‘ würde es mehr treffen. Kleines Sehfeld, alles trübe, etc….

Schon etwas verdrießlich machte ich mich deswegen ein paar Tage später auf, eine solche Brille beim „Optiker mit der Zufriedenheitsgarantie“ abzuholen. Jene Brille, die meine Kinder schon ‚Opabrille‘ getauft hatten.

Auch hier gab es wieder einen Höhepunkt, den ich der männlichen Leserschaft nicht vorenthalten möchte. Die Leserinnen möchte ich jedoch bitten, den folgenden Absatz zu überspringen.

Die Optikerin bat mich, an so einem Brillenanprobiertisch Platz zu nehmen. Fummelte dann aus einer Karteikastenschublade besagte Opabrille hervor. Kam auf die andere Seite des Tischs. Stand dort und beugte sich etwas vor, um mir die Brille aufzusetzen. Mit den Worten: „Stellen Sie doch bitte scharf.“ Ich war begeistert!

Das war es dann aber auch schon mit den Höhepunkten. Die weiteren Ratschläge bezogen sich darauf, dass ich doch bitte jetzt nicht mit dieser neuen Gleitsichtbrille auf mein Rad steigen und überhaupt beim Treppensteigen aufpassen solle. Dass sie mir nicht noch eine 20%-Rabatt-Gutschein für einen Rollator im Sanitätshaus gegenüber mitgab, wunderte mich.

Nun möchte ich aber nicht allen Altersklischees entsprechen und nur noch Rummeckern. Auch das Papabloggerdasein geht weiter. Die Domain opadasein.wordpress.com habe ich mir schon mal reservieren lassen. Bis dahin lese ich immer mal wieder bei Opas Blog rein.

PS: Vor ein paar Tagen fragte mich ein so süßes , kleines Mädchen im Kindergarten, ob ich der Opa von XZY sei. Ich lächelte und verneinte. (Er-)Trug es  mit Fassung fassunglos.

 

Geschrieben A.D. 03.04.2017, ohne Brille.

 

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