Jetzt sind mal wieder die Eltern schuld

In meiner kleinen Reihe an Repliken auf SPON-Artikel, die mal mehr oder weniger gehaltvoll sind, nun eine Antwort auf einen Beitrag von Herrn Nattermann, seines Zeichens Lehrer für Mathematik und Informatik an einem Gymnasium (Gebt den Kindern die Verantwortung zurück).

Lieber Herr Nattermann,

jetzt sind mal wieder die Eltern schuld. Sie verstopfen nicht nur die Straßen vor der Schule, das sei das kleinste Problem, wenn sie mit ihrem Helikopterauto den Nachwuchs dort absetzen, sondern sie erziehen ihre Kinder zur Unfähigkeit, selber Verantwortung zu übernehmen.

Ich weiß nicht, die alte Leier, früher war alles besser, war mir schon immer suspekt. Im Übrigen auch das Umgekehrte, heute ist auch nicht alles Gold, was glänzt. Die Einseitigkeit, mit der Sie Ihre Polemik aufziehen, bringt mich fast schon zur zynischen Frage, ob Ihnen denn in Ihrer eigenen Erziehung und ggf. im erwachsenen Lehrerdasein vielleicht vor lauter Selbstverantwortung nicht aufgezeigt wurde, dass Abwägen in dem ein oder anderen Sachverhalt ein Vorzug ist und Schwarz-Weiß-Denken nicht immer hilfreich ist? Bitte antworten Sie jetzt nicht, dass mediale Zwänge sie zu dieser Zuspitzung gezwungen hätten. Ein Zwischenruf wird auch dann gehört, wenn er zwischen Schwarz und Weiß die vielen Graustufen auch noch aufzählt. Fangen wir also mit den Zwischentönen an:

  1. Der Schulweg mit dem elterlichen Auto ist im Regelfall der schnellste, der effizient den Nachwuchs auf dem Weg zur Arbeit als Zwischenstopp abwirft, und damit dem familiären Frühstück mehr Zeit einräumt. Ich glaube, Sie würden mit Ihrer Forderung, hier den Nachwuchs zu Bus und Bahn loszuschicken eher dieser Antwort bekommen (von Eltern wie Kindern) als dass dies eine Beschneidung der Selbstverantwortung ist. Ich hoffe, Sie reisen zu Ihrem Schulort immer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln an und nehmen einen halbe Stunde mehr pro Tag in Kauf. Im Bus lassen sich Klassenarbeiten super korrigieren.
  2. Die Vereinsarbeit ist auch vorprogrammiert und gibt wenig Raum zur Selbstverantwortung? Noch nie in einem Verein gewesen?! Vom Kassenwart bis zum Jugendtrainer für die Kleinsten kann der Nachwuchs hervorragend Aufgaben wahrnehmen, die sich eins zu eins im großen Ganzen der Gesellschaft im Erwachsenenleben findet.
  3. Und die Schüler machen keinen Schülerzeitungen mehr? Ojeh. Als Informatiker sollte Ihnen doch vielleicht geläufig sein, dass sich die mediale Kreativität der jungen Leute heute in ganz anderen Medien auslebt als in einer Schülerzeitung. Der Vergleich mag platt sein, aber wären Sie in Ihrer Jugend dazu aufgefordert worden, statt am PC Ihre spannenden Artikel zu schreiben, vielleicht die ach so kreativen Tontafeln zum Einritzen von Nachrichten zu benutzen (fördert die Feinmotorik), hätten Sie vielleicht auch müde abgewunken. Ich kenne unzählige WordPress o.ä., teils offene, teils geschlossene Plattformen, an denen Schüler mitmachen. Und deren Inhalt lässt mich eher vermuten, dass da kein Lehrer die Hände im Spiel hat.

Damit habe ich jetzt ein paar Punkte der Gegenposition bezogen. Aber natürlich, Herr Nattermann, Sie haben Recht. Die von Ihnen aufgeführten Sachverhalte kommen vor. Die von mir hier genannten auch. Und darüber zu diskutieren, ist so schön wie notwendig. Nur: Früher war nicht alles besser, heute ist nicht alles schlechter. Achja, und noch etwas. Früher war eine Sache wirklich besser: Die Orthographie. Auch in Ihrem Beitrag. Aber ich möchte das jetzt nicht ins Unermessliche fortsetzen (und glücklicherweise ist das substantivierte Adjektiv ja zwischenzeitlich auch als solches von fleißigen Lektoren erkannt und korrigiert worden).

Mit freundlichen Grüßen

Ein Vater

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