Linzer Torte

Die Geschichte des Linzer Kindermarathons ist ein bisschen wie ein Tortenwurf. Maximale Aufmerksamkeit garantiert durch ein kalorienreiches Nichts an Sahne.

Und ich vermute mal, dass der ganzen Gruppe der dort teilnehmenden Familien Unrecht widerfährt, nur weil ein paar wenige schwarze Elternschafe ihre Lämmlein durch das Ziel schleifen wollten. Die übliche mediale Verzerrung, die schon immer gab, womöglich aber durch FB&Co noch schlimmer wurde. Ist natürlich auch unterhaltsam zu lesen. Bringt Klicks. Bestätigt unbewusste oder bewusste Vorurteile. Das diesbezüglich einschlägigste Kommentar im SPIEGEL-online-Forum war: „Es bestätigt mich in meiner Einstellung, kinderlos zu bleiben.“ Oder so ähnlich. Neudeutsch würde ich dazu sagen: Kopfschüttel.

Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass die meisten Kinder und ihre Eltern an dem 42 Meter – Lauf einen großen Spaß hatten. Und dass selbst der ein oder andere Griff der Eltern nach den Kindern nicht den ach so gierigen, überambitionierten Tigerparents geschuldet war, sondern die Reaktion auf das ganz normale Hilfeersuchen eines solchen Knirpses nach der stützenden, elterlichen Hand.

Und woher nehme ich diese Gewissheit? Nein, ich bin kein Alleswisser, sondern ein ganz normaler Papa, der logischerweise viel Kontakt mit anderen Familien hat. Und diese anderen Familien sind auch ganz normal. Alle unterschiedlich, selbstverständlich, aber keinesfalls prädestiniert, aus einem harmlosen Kinderlauf eine MeinKindmussunbedingtdasErstesein-Veranstaltung zu machen.

Elterliche Intervention zugunsten der eigenen Kinder gibt es aber in anderen Konstellationen jeden Tag. Das treibt mich um. Medial allerdings weniger geeignet. Kein Hype also, sondern Alltag, so:

Der Spielplatz ist voll. Die Schaukeln ständig besetzt. Das eigene Kind möchte aber unbedingt schaukeln. Jetzt.

Sie verdrängen die Tatsache, dass letzte Woche, als dieselben Schaukeln auf demselben Spielplatz gelangweilt und leer im Winde quietschend baumelten, auch Ihr Kind daran selbstverständlich kein Interesse hatte. Heute aber auf jeden Fall. Sofort. Jetzt.

So stehen Sie mit Ihrem quengelnden Balg vor der Schaukel und warten.

Und warten.

Und warten.

Und Ihnen gegenüber steht seelenruhig ein Elternteil und schaukelt sein Kind seelenruhig weiter.

Und weiter.

Und weiter.

Und Sie sagen dann irgendwann an Ihren Nachwuchs gewandt, aber auch laut und vernehmlich für die Ohren dieser anderen Eltern: „Weißt Du, da ist jetzt dieses andere Kind auf der Schaukel. Noch ein bisschen. Und dann wechselt Ihr Euch sicher ab.“

Und im Geheimen wollen Sie diesen penetranten Platzhirscheltern eigentlich schon gegen das Schienbein treten. Und werfen diesen egoistischen Deppen an den Kopf, dass sie wohl ihr ganzes Leben noch nie etwas von ABWECHSELN gehört haben.  Aber Sie gedulden sich weiter. Ihrem Kind zuliebe.

Sagen Sie mal ehrlich, haben Sie in einer solchen Situation jemals diese Eltern angesprochen und Sozialverhalten eingefordert? Machen Sie garantiert nicht. Obwohl es eigentlich sinnvoll wäre. Wenn Sie dann zufällig auf eine Mutter oder Vater treffen, die zu den geschätzten 1 Prozent Tigerparents gehören, haben sie eh verloren und können sich dauerhaft einen neuen Spielplatz mit Schaukeln suchen. Wenn Sie aber auf die geschätzt 30 Prozent eher leicht egoistischen Eltern treffen, kann ein höflicher, konstruktiv formulierter Hinweis nach ‚Abwechseln‘ durchaus elterlichen Egoismus positiv beeinflussen.

Daran ließe sich täglich arbeiten. Ist weniger unterhaltsam als die Eltern von Linz tutto completto durch den Kakao zu ziehen. Aber vielleicht sinnvoller.

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Ein Kommentar zu „Linzer Torte

  1. Das sprichst mit aus der Seele! Ich hasse so etwas! Ich meine, jeder sollte auf andere Rücksicht nehmen. Wie war das? Wenn du deinem Kind etwas beibringen willst, führ es ihm vor!
    Ich frage die Leute immer, ob wir mit ihrem Spielzeug spielen oder schaukeln oder rutschen können. Sonst ärgert man sich nur.

    Gefällt 1 Person

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