Von großen Kindern

Ich habe auch mit großen Kindern zu tun. Die streiten sich auch, sagen sich gegenseitig neckische Worte, sind zutiefst beleidigt, das ganze Kaleidoskop halt. Nur manchmal fällt eines dieser schlipstragenden Kindern dem anderen ins Wort und ruft aus: „Jetzt hören Sie doch einmal auf. Wir sind hier doch nicht im Kindergarten.“ Tja, denke ich mir dann, bei dieser x-ten Besprechung im Kollegenkreis, wo gerade Tagesordnungspunkt 3 durchgegangen wird: Wären wir mal im Kindergarten, da würden die fights garantiert offener und fairer ausgetragen werden. Und gleichmütig setze ich meinen Namen in die gerade umlaufende Anwesenheitsliste.
Dennoch verstehe ich mich natürlich als engagiertes Mitglied einer lernenden Organisation und nehme neues Wissen in einer sich rasant verändernden Umwelt stetig und gerne auf.
Ich persönlich spitze immer dann die Ohren, wenn die Kollegen von ihren echten großen Kindern zuhause erzählen. Sitzengeblieben, gegen den Baum gefahren, kommen in den Urlaub nur mit, weil der voll gesponsert ist von Mama und Papa. Viele nette kleine Geschichten, die den Büroalltag farbenfroh gestalten. Ich habe da auch so was Masochistisches: Genieße ich doch still und leise den etwas mitleidigen DuwirstnochAugenmachenwenndeineJungsgrößerwerden-Blick der Kollegen.
Blicken wir also auf jenen jungen Mann, der kurz nach Erwerb des Führerscheins es anscheinend nicht besser wusste, als mit der Stoßstange just jenen Baum zu fällen, der zum nachbarlichen Grundstück gehörte. Wobei die Pointe natürlich ist, dass besagte Nachbarin Staatsanwältin ist. Dieser Heranwachsende, den ich zwar persönlich nicht kenne, doch nun um seine Dynamik weiß, hatte kürzlich mal wieder das elterliche Auto. Aus sicherlich nachvollziehbaren Gründen schaffte er es aber nicht, die vereinbarte Rückgabeuhrzeit einzuhalten. Kurzer Einschub: Da kann ich wieder Parallelen zu meiner Kleinkinderwelt ziehen: „Trödelknödel“ nenne ich diese Zeitvertreiber, in Anlehnung an jenen Rüsseldrachen aus Siegners „Kokosnuss auf der Suche nach Atlantis“. Wohl dem, der noch nicht die Uhr kennt. Sein Zeitgefühl kann sich endlos dehnen. Zurück zum Text. Die etwas gespannte Konstellation war also gegeben, als er endlich am elterlichen Haus vorfuhr. Meine Kollegin und Mutter dieses wohlerzogenen Gentlemans erwartete ihn schon sehnsüchtig im Ausguck, sprich vom Balkon aus. Es entspannte sich ein Wortwechsel, den wir auf der Arbeit nun wahrscheinlich auch nicht in allen Details mitbekommen sollten. Kurz und gut, am Ende flog der Autoschlüssel – dynamisch – Richtung Balkon. „Richtung“ ist gut. Denn dem wohlkalkulierten Wurf wurden wohl ein paar recht wütende Energieeinheiten zu viel mit auf den Weg gegeben. So dass jener Autoschlüssel treffsicher in der Regenrinne des Daches landete. Auch hier kann ich wieder abkürzen: Denn Ihnen ist nun klar, warum meine Kollegin stolze Besitzerin einer neu erworbenen Teleskopstange mit Spiegel und Magnet ist (Hier könnte nun passen die OBI-Werbung dazu eingeblendet werden). Und ich habe vorsorglich mal den Fortbildungskatalog unseres Hauses durchgeblättert, ob dieses Jahr noch Plätz frei sind beim Rodeo-Reiten mit Lassowerfen. Leider nicht, hätte ich ja sonst genehmigt.

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2 Kommentare zu „Von großen Kindern

  1. Erinnert mich sehr an eigene
    Aussagen – der Berufsalltag ist manchmal mehr als ein großer Kindergarten und während die Kids ja Stück für Stück dazu lernen – ist das in der Erwachsenenwelt mit Hierarchie nicht unbedingt sichergestellt.

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