Energieeffizienz

Wir haben es geschafft. Wir wohnen in einer dieser modernen Wohnungen. Sind angekommen im Lifestyle und sind Avantgarde im Vorgriff auf die Roaring Twenties des 21. Jahrhunderts. Sie wissen, wie man ‚roaring‘ übersetzt? Ja, es ist wirklich zum Brüllen.Ich habe beruflich auch mit Hochschullehrern der Fachrichtung Architektur zu tun. Keiner konnte es mir erklären. Irgendwas mit Retro vielleicht. Da fiel bei mir der Groschen. Klar, früher war die Toilette auf dem Gang. Ach ja, man kann das auch verklären. Wer den Liedermacher Gerhard Schöne kennt, wird mir zustimmen und mitsummen: „Das ist mein Zimmer unter dem Dach … Ausgetretene Stufen führ ’n dich bis zur Tür / Von Namensschilder vernarbt, keiner wohnt lange hier / Das Klo halbe Treppe das Wasser im Flur / Der Komfort dieser Bleibe ist and’rer Natur.“ Mir wird es ganz warm ums Herz. Sie haben jetzt schon verstanden, auf was ich hinaus will. Nein, wir leben nicht auf einer Baustelle und müssen das Stille Örtchen der Kollegen Bauarbeiter mitbenutzen.

Es handelt sich um diesen irritierenden, modernen Sachverhalt, dass Waschmaschinen und Trockner gebündelt in der gemeinsamen Waschküche des Mehrfamilienhauses stehen. „Mehr Platz in der Küche“, raunte uns verschwörerisch der Makler zu. „33 km Treppensteigen mehr im Jahr“, würde ich ihm heute, ein paar Jahre und drei Kleinkinder später, entgegen halten. Sie finden, ich übertreibe? Nun hat unser Mehrfamilienhaus noch die Eigenheit, die Wohneinheiten auf zwei Hauseingänge zuverteilen. Das Kellergeschoss ist weitgehend Tiefgarage und am einen Ende sind alle Energieeffizienz-Klasse AA+++- Geräte versammelt. Und wir wohnen diagonal am entsprechend anderen Ende.

Nun, eines muss man dem Makler ja lassen. Er hatte Recht mit der Küche. Wir können dort sogar essen. Die Wege sind kurz zum Besteckkasten und häufig liegen am Ende einer solcherart ausgelassenen Fütterung der wilden Tiere mehr Löffel, Gabel und Messer unter dem Tisch als sich noch in der Schublade befinden. Ich muss nicht einmal aufstehen, um nachzuliefern. Herrlich.

Doch der Ehekrach ist vorprogrammiert, wenn unser Blick auf den Wäschkorb fällt. Stäbchen ziehen, wer geht? Der Berg schmutziger Wäsche wächst dank der kleckernden Kinderschar immer schneller als mein Bedürfnis nach Dauerlauf und Aufbautraining. Und es ist Sport. Ich habe die Wahl zwischen Aussengang: Treppe runter, Haustüre raus, Gartenweg am Haus entlang, andere Haustüre rein, Treppe runter, Waschküchentür auf, voilà. Wenn es der Regen zulässt, und mein Frischluftbedürfnis groß ist. Die andere Alternative heisst: Treppe runter, noch einmal Treppe runter, zwei Feuertüren, Gang durch die Tiefgarage, noch einmal zwei Feuertüren, Waschküchentür auf, voilà. In diesen Herbstregen des Spätsommers vor allem immer dann vor mir präferiert, wenn ich etwas für die Oberarme (Feuertüren! Zwei Waschkörbe auf einmal!!) machen möchte. Nein, das mit dem Sportstudio habe ich gelassen, kostet ja auch noch Geld. Hier kann ich ja zwei Fliegen…

Nur eines, da sollte Bill Gates noch einmal mit diesen verantwortlichen Architekten hier in Deutschland reden. Vernetzte Wohnung. Mein Wunsch wäre, wenn die Anzeigen der Restlaufzeiten von Waschmaschine und Trockner doch bitte schön auf mein Smartphone eingespielt werden könnten. Zu oft schon schaute ich verloren in die ratternde Waschtrommel. Es lohnte nicht mehr hochzugehen, 8 Minuten noch. Man kommt dann beim Blick in die sirrende Trommel diesen meditativen Blick. Es stimmt, jedes Kind kann schlafen lernen, liebe Ratgeberliteratur. Wenn man vor dieser Trommel sinniert. Aber dafür müsste natürlich der Waschmaschinenanschluss künftig für’s Kinderzimmer vorgesehen werden, lieber Herr kinderloser Architekt.

Sorry, ich muss jetzt Schluss machen und runtergehen.

erschienen im Karlsruher Kind – die regionale Elternzeitung

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