Sommergewitter – eine Rezension der anderen Art

Neulich hatte der Piratensteuermann Geburtstag. Es klingelte an der Tür. Den Umständen entsprechend erschien ich in der Tür mit Konfetti in den Haaren. Die Nachbarn. Ein älteres Ehepaar. Hübsch verpackt ein Geschenk für den Kleinen. “Ach, das ist aber ganz lieb von Ihnen – hi Pirat, kannst Du mal herkommen und Dich bedanken?“ Geschenkpapier zerrissen, auf den Boden geworfen. Das alte Kinderbuch „Peterchens Mondfahrt“. „Tschuldigung“, sagte ich mit diesem Ihnen wohl bekannten Gesichtsausdruck ‚normalerweisebedankter­sichimmersofortganzlieb‘. Ja, dachte ich bei mir, der Titel ist mir irgendwie bekannt. War wohl auch meinem Gesichtsausdruck zu entnehmen. Denn plötzlich nahm die alte Dame von nebenan beschwörend meine Hand und meinte, das sei in ihrer Kinderzeit ihr Lieblingsbuch gewesen. Und wenn ich einmal Zeit hätte, würde sie mir auch ihr eigenes, längst speckiges, abgegriffenes Exemplar zeigen. Sie schaute mir dabei direkt in die Augen. Und da war nun dieses Leuchten. Und in dem Leuchten Kinderaugen, so dass ich fast meinte, hier käme noch eine Nachzüglerin zum Kindergeburtstag. Einen Moment lang fühlte ich mich da reingezogen. Auf einer Tunnelfahrt durch die Zeit, sechzig, siebzig Jahre zurück. Das Toben der Kinder in der Wohnung brachte mich schnell wieder in die Gegenwart: „Papa, kannst Du mal…“ „Papa, kohomm, der Hans-Georg hat mich gehauen.“ Papa schau mal!“ Nichts hält einen leichter vom Träumen ab – im wahrsten Sinne des Wortes.
Ein paar Tage später nahmen wir das Buch zur Hand. Vorlesegeschichte zum Einschlafen. Ich muss gestehen, die ersten Seiten waren wirklich: eine Vorlesegeschichte zum Einschlafen. Meine müden Augen glitten über eine wirre Geschichte des verlorenen Beines eines Maikäfers, was wohl mit einem Holzdieb zusammenhing. Irgendwie wurde der auf den Mond verbannt, leider das Beinchen des Maikäfers mit…. Und zu allem Übel wurde der Makel des verlorenen Beinchens von Maikäfergeneration zu Maikäfergeneration vererbt. Was lobte ich mir da doch die klaren Worte des Bestsellerautors Ingo Siegner. Nachvollziehbare Dialoge von Matilda, Kokosnuss und Oskar für alle.
Doch wollten Kapitän und Steuermann erstaunlicherweise weiterlesen. Okay. Und an einem dieser häppchenweise fortschreitenden Lektüreabende passierte es dann. Das Schloss der Nachtfee, die eingeladenen Himmelsgestalten mit ihren wunderbar gedrechselten Gedichten bei ihrer ehrfürchtigen Vorstellung vor der Nachtfee, all das erwachte zum Leben:
„Gleich darauf sprang mit einem schmetternden Schlage der Donnermann aus den Wolken am Eingang; der erste der geladenen Gäste. Er hatte einen mächtigen Paukenklöppel in der Faust, schlug sich damit auf den Bauch, verneigte sich vor der Nachtfee und brüllte: ‚Zum Donnerwetter, da bin ich gekommen! / Habe mir keine Zeit genommen; / Bin gleich, weil du mich geladen hast, / Auf meiner Pauke hierher gerast. / Mein Weib, die Blitzhexe, lässt dir sagen, / Sie hätte noch schnell mal wo einzuschlagen / Und käme dann hinterher geritten; / Derweil zu grüßen lässt sie bitten!‘ “
Tja, dann kamen noch die Windliese und die Wolkenfrau. Die Blitzhexe, der Regenfritz, der Sturmriese und der Hagelhans. Frau Holle, der Eismax, der Wassermann und das Taumariechen. Und so vertieft waren wir in der Geschichte, dass wir gar nicht bemerkten, wie dunkel es draußen wurde, ungewöhnlich dunkel, bei den frühen Bettgehzeiten der Kinder im Sommerhalbjahr. Ein Windstoß ließ das nur angelehnte Fenster aufspringen. Und der Steuermann jauchzte sofort: „Der Sturmriese!“ Die nächste halbe Stunde standen wir am Fenster, ich mit den Füßen auf dem Boden, Steuermann und Kapitän auf der Fensterbank, und drückten uns die Nasen platt. Wie bestellt tauchten einige der Gäste auf. Die Windliese und Wolkenfrau zu Beginn, dann stärker platschend der Regenfritz und – glücklicherweise in einiger Entfernung – Donnermann und Blitzhexe. Nachdem wir uns alle gegenseitig noch versichert hatten, dass die Gestalten ja nur im Buch existierten, ging es, huschhusch, ins Bett. Das Gewitter ließ nach. Nur meine Frau vermerkte verwundert am nächsten Tag, dass ich doch viel im Schlafe gemurmelt hätte.
Nun bin ich gespannt, wie die Geschichte weitergeht. Aber eines weiß ich jetzt schon: In dreißig, vierzig Jahren werde ich bei Nachbarn läuten, den Lärm einer Kindergeburtstagsparty im Hintergrund. In der Hand ein Präsent haltend werde ich dann einem jungen Vater, einer jungen Mutter fest in die Augen schauen.

erschienen gekürzt in Flummi – das Familienmagazin für Wiesbaden, Mainz & drum herum

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6 Kommentare zu „Sommergewitter – eine Rezension der anderen Art

  1. Lieber Andreas,
    das ist ein wunderschöner Einblick in Kinder- und Erwachsenenherzen und in die Liebe zu besonderen Büchern, die oft sogar von ganz zeitloser Lebensqualität sein können.
    Darf ich Dich mit dem nachfolgenden Link zu einem meiner Lieblingskinderbücher zu einem Lesebesuch auf mein Buchbesprechungs-Blog einladen?
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/09/25/punkelchens-abenteuer/

    Bibliophile Grüße
    Ulrike von Leselebenszeichen

    Gefällt mir

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