Rote Karte für die grünen Männchen

Mal abgesehen von dem Titelgewinn war das Schönste an der WM für uns die rote Karte gegen den portugiesischen Spieler im Auftaktspiel der Deutschen. Nein, nicht was Sie jetzt schon wieder denken. So sind wir ja nicht. Es ging uns einfach um dieses Prädikat „pädagogisch besonders wertvoll“. Diese schöne Kopfnuss für Thomas Müller. Und dann die rote Karte. „Muss der jetzt wirklich gehen?“, fragte der Piratenkapitän. Der Kapitän beherrscht den Zahlenraum bis zehn souverän. Folglich ist ihm klar, dass elf gegen zehn nicht so toll ist – für die zehn Anderen. Auch Erwachsene müssen Regeln einhalten. Noch nie hatte ich den Eindruck, dass diese Erkenntnis so schnörkellos das Kinderhirn erreichte wie bei diesem Kick.
Sonst ist das ja mit den Regeln so eine Sache. Wir haben das mit der Ampel bei der häuslichen Verkehrserziehung schon ganz gut durchgepaukt. Folgerichtig kam es im selben Fußballspiel auch noch zu der heißen Diskussion, warum denn dieser Schiedsrichter, dieser ‚Regelmann‘, denn keine grünen Karten hätte. Und ein anderes Mal wurde ich von Kapitän und Steuermann gefragt, warum ich denn jetzt hier bei Rot weiter gefahren sei: Das mit dem grünen Pfeil zum Rechtsabbiegen selbst bei Rot macht die Sache schon kompliziert. Nein, ich hatte nichts gegen die Wiedervereinigung, aber vorher war das hier in Wessiland einfacher.
Regeln sind von allen einzuhalten, dies ist ein grunddeutscher Wesenszug. Wie schön es doch ist, wenn wir auf dem morgendlichen Weg  zum Kindergarten an der Grundschule vorbeikommen: Dort führt ein freundlicher Herr mit blauweißer Schirmmütze vor aufmerksamen Erstklässlern und ihren ebenso aufmerksamen Eltern in die Tiefen des Verkehrsregelwerkes ein. Schöne, heile Welt.
Wie gut allerdings, dass wir in unserem familiären Verkehrs-ABC noch nicht beim absoluten Halteverbot angekommen sind. Das mit dem roten Kreis, gekreuzten roten Balken auf blauem Grund. Warum? Achtung: Ich verlasse hier ausdrücklich den Boden der glossenhaften Freiheit, sondern halte es mit einem bekannten Wochenmagazin  – Fakten, Fakten, Fakten: Wir hatten nämlich vor kurzem das besagte Raunen an der Theke in einer Bäckerei, als wir Brötchen holten. Und die zwei leger in blau gekleideten Herren auch. Ja, das ist wirklich eine echte Pistole im Halfter! Natürlich verfolgten wir die Herren, gemütlich ins Croissant beißend (wir und sie), wie sie zu ihrem Polizeiwagen zurückschlenderten. Die Kollegin am Steuer bekam auch noch was ab. Selbstredend. Jetzt blieb mir aber der Biss im Halse stecken. Denn das besagte rote Kreuz auf blauem Grund prangte deutlich sichtbar hinter dem Polizeiwagen am Straßenrande. Dass die Dame am Steuer dann beim Wegfahren noch das Croissant zur Seite legte und ihr Handy ans Ohr nahm, wollte ich noch mit einem beginnenden Einsatz entschuldigen. Doch wurde mir meine letzte Hoffnung auf grunddeutsche Regeleinhaltung durch mangelndes Tempo, stumme Sirene und ausgeschaltetes Blaulicht genommen. „Papa, was ist? Was suchst Du so wild in Deinen Taschen?“ – „Ähm, nein, nichts.“ Ich hatte die rote Karte in meiner Jacke einfach nicht gefunden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s